Liebe Schwestern und Brüder,

liebe Gemeinde,

die Fastenzeit ist eine Wüstenerfahrung, Wüstenerfahrung ist eine Grenzerfahrung. Zu Beginn der Fastenzeit hören wir das Evangelium über die Versuchung Jesu in der Wüste (Mt 1, 12-15). Die Wüste ist für uns Menschen ein lebensfeindlicher Raum. Das Überleben in der Wüste verlangt besonderes Wissen und besondere Fähigkeiten. Aber auch wenn man gut angepasst ist, erreicht man sehr schnell die Grenze dessen, was ein Mensch aushalten kann.

Die Wüstenerfahrung ist eine physische und eine psychische Belastung. Gerade jetzt in der Pandemie, wo wir gezwungen werden, die sozialen Kontakte zu unterbrechen, Abstand zu halten, uns selbst zu isolieren, um gesund zu bleiben, hören wir, dass diese Tatsache gewaltige Auswirkungen auf die Einzelnen und auf die ganze Gesellschaft hat. Wir Menschen sind nicht für die dauerhafte Einsamkeit bestimmt. Die Einsamkeit ist unter anderem die Ursache für Depressionen oder andere psychische Erkrankungen. Umso erstaunlicher ist die Entscheidung Jesu, freiwillig in die Wüste zu gehen. Warum tut er das?

Die Wüste ist ein Ort der Stille. In der Stille spricht Gott zu uns. Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens sucht Jesus einen Ort der Stille, um Gottes Stimme zu hören. Die Wüste ist ein Ort der Genügsamkeit. Sie lehrt, mit dem Wenigen, mit dem Notwendigsten auszukommen. Sie lehrt, sich nicht mit dem Unnötigen zu belasten und alles der Aufgabe unterzuordnen, das eigene Leben und das der anderen Menschen zu erhalten.

Die Wüste ist ein Ort der Ehrlichkeit. In der Einsamkeit braucht man sich nicht zu verstellen, man braucht niemandem etwas vorzuspielen. Man kann so sein, wie man wirklich ist. Man braucht keine Maske anzuziehen, um seine Schwächen zu verbergen, um sich schöner darzustellen, als man wirklich ist. Man ist allein mit Gott, der uns liebt, so wie wir sind.

Die Wüste ist schließlich ein Ort der Erfahrung, was wirklich wichtig und notwendig ist und was nur oberflächliche Äußerlichkeiten sind. In der Fastenzeit in die Wüste zu gehen, hat eben diesen Sinn, in die Tiefe zu gehen, vor Gott zu stehen, so wie man gerade ist, ohne Maske und ohne Schmuck. In der Stille Gottes Stimme zu vernehmen. Sich nicht mit „dem Schein des Guten“ versuchen zu lassen und von dem Weg abbringen zu lassen, um am Ende Gott und sich selbst näher zu kommen (zu sich zu finden). Vieles davon ist nur in der Wüste möglich und ich bin fest davon überzeugt, dass diese Erfahrung der Mühe wert ist.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche Ihnen eine gesegnete und erfahrungsreiche Fastenzeit.

Ihr Pfarrer P. Sławomir Rakus SVD