Liebe Schwestern und Brüder,

liebe Gemeinde,

Ostern ist das zentrale und das bedeutendste Fest für uns Christen. Doch was feiern wir da, was ist an Ostern passiert?

Im Mittelpunkt des Ostergeschehens stehen das Leiden, der Tod und die Auferstehung Jesu.

Bevor es jedoch dazu kommt, wirkt Jesus einige Jahre als Wanderprophet. Er zieht gemeinsam mit seinen Jüngern umher, predigt die Ankunft des Reiches Gottes, heilt die Kranken und die von unreinen Geistern Besessenen. Seine Worte und seine Taten führen dazu, dass die Menschen in ihm den lange erwarteten und ersehnten Messias (den Erlöser) sehen.

Als gläubiger und frommer Jude ist Jesus im Glauben und in der Tradition seines Volkes tief verwurzelt. So geht er mit seinen Jüngern nach Jerusalem, um dort zusammen mit ihnen das wichtigste Fest des jüdischen Volkes, das Pascha-Fest zu feiern. Dieses Fest ist die Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft. Es ist die Erinnerung an den Übergang aus der Sklaverei in die Freiheit, in das gelobte Land. Der Einzug Jesu in Jerusalem wird zu einem triumphalen, einem König gebührenden Siegeszug. Die Menschen werfen ihre Mäntel und die Palmenzweige auf seinen Weg, um ihm zu huldigen, ihm die Ehre zu erweisen, denn viele seiner Zeitgenossen interpretieren den Messias-Titel politisch und hoffen auf die Befreiung von der römischen Besatzung. Jesus selbst erhebt niemals den Anspruch auf politische Macht und trotzdem fühlen sich viele in ihrer Macht und in ihrem Einfluss bedroht. Sie beschließen, Jesus unter falschen Beschuldigungen den Römern auszuliefern und zu beseitigen. Jesus weiß es. Deswegen feiert er mit seinen Jüngern das Pascha-Fest. Nicht auf übliche Weise mit dem geschlachteten Lamm. Es ist ein Mahl mit Brot und Wein, den Grundnahrungsmitteln auch der einfachen und armen Menschen, wobei der Wein den festlichen Charakter des Mahls unterstreicht. Jesus deutet darauf hin, dass das Brot in diesem Mahl sein Leib und der Wein sein Blut ist. Er sieht sich selbst als das Pascha-Lamm, das für die Erlösung des Volkes dahingegeben wird. Er verbindet mit diesem Mahl den Auftrag an die Jünger, es immer wieder zu feiern, um seiner zu gedenken. Immer wenn das geschieht, ist er unter seinen Jüngern in der Gestalt des Brotes und des Weines gegenwärtig. Schon während des Mahls weiß Jesus, dass sich die Stimmung im Volk zu seinen Ungunsten verändert hat. Auch unter seinen Jüngern befindet sich einer, der enttäuscht darüber ist, dass Jesus die einmalige Chance nicht nutzen will, die politische (königliche) Macht an sich zu reißen und sein Volk von der römischen Unterdrückung zu befreien. In der Annahme, dass Jesus angesichts einer Herausforderung oder unter Bedrohung seines Lebens seine Ansichten ändert und die nötigen Maßnahmen ergreift, um das versprochene messianische Reich zu errichten, verrät ihn Judas und liefert ihn aus. Dafür bekommt er dreißig Silberstücke. (Das sind 120 Denare. 1 Denar war der Tageslohn eines Landarbeiters.) In der Nacht nach dem Mahl mit seinen Jüngern sucht Jesus einen einsamen Ort (den Garten Getsemani), um im Gebet mit Gott, seinem Vater, zu sprechen. Er hofft, dass es vielleicht einen anderen Weg gibt, das Werk der Erlösung zu vollziehen, akzeptiert aber letztendlich den Willen seines Vaters, d.h. den Weg des Kreuzes und des Leidens. Im Garten Getsemani wird er verhaftet. Da die Juden keine Macht haben, jemanden zum Tode zu verurteilen und zu töten, weil das ausschließlich den römischen Besatzern zusteht, wird er dem römischen Beamten und Verwalter der Provinz Judäa, Pontius Pilatus, unter dem Vorwand der Gotteslästerung (er behauptet, der Messias zu sein) ausgeliefert, worauf nach dem römischen Recht keine Todesstrafe stand. Pilatus hätte also Jesus freilassen müssen, er wird aber unter Druck gesetzt mit den Worten „Er gibt sich als König aus, wenn du ihn freilässt, bist du kein Freund des Kaisers, denn er lehnt sich gegen den Kaiser auf.“ (Joh 19,12). Pilatus folgt also in seinem Urteil nicht dem römischen Recht, sondern er beugt sich als Besatzer dem Willen des besetzten Volkes. Er wäscht sich die Hände, um die Schuld am Tod Jesu von sich zu weisen und lässt Jesus kreuzigen. Er lässt Jesus eines Todes sterben, welcher ausschließlich für Sklaven und Nicht-Römer vorgesehen war und zeigt dadurch indirekt seine Verachtung gegenüber der Menge, die ihn, einen Römer, dazu gezwungen hat, gegen das Recht zu handeln. Jesus wird gekreuzigt und stirbt am Kreuz wenige Stunden danach. Damit der Leichnam des Verstorbenen nicht am Sabbat am Kreuz hängen bleibt (es hätte den Tag entweiht), erlaubt Pilatus, Jesus vom Kreuz zu nehmen und ihn zu bestatten. Man benutzt dafür ein neues Grab in der Nähe der Kreuzigungsstätte. Es geschieht alles in Eile, ohne dass die nötigen Beerdigungsriten und die Salbung des Leichnams mit den wohlriechenden Ölen erfolgen. Diesen Mangel an Pietät dem Verstorbenen gegenüber möchten die Frauen am Morgen nach dem Sabbat wiedergutmachen. Als sie am Grab ankommen, finden sie es leer. Sie erzählen es den Jüngern, die ebenfalls dorthin eilen und nichts als die Leinentücher finden, in die der Leichnam eingewickelt war. Sie sind alle verängstigt und unsicher. Sie verstehen zunächst nicht das Geheimnis des leeren Grabes. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen, sein Kommen in ihre Mitte in einen abgeschlossenen Raum, das Brechen des Brotes und die Erinnerung an seine Worte und Taten öffnen ihnen die Augen und sie erkennen in ihm den Herrn. Sie begreifen, dass er wahrhaftig auferstanden ist und werden dafür Zeugen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche ihnen ein gesegnetes und gesundes Osterfest.

 

Ihr Pfarrer P. Sławomir Rakus SVD