31.03.2020

… abstinent

Wir erleben gerade eine Menge an Einschränkungen: physische Nähe, Bewegungsfreiheit, Freizeitangebote, Berufsausübung, Sicherheiten, Schule, Gottesdienst, die heilige Kommunion… Das hätten wir uns so nicht ausgesucht und wir leiden unterschiedlich stark darunter.
Und doch höre ich in all dem  leise unausgesprochene Worte: „Aber das geht mir doch immer so. Täglich. Und schon eine lange Zeit. Und ohne die Fülle an kreativen Gegenentwürfen“.

Ich glaube, diese Worte kommen nicht vom anderen Ende der Welt, sondern ganz aus unserer Nähe…
Tatsächlich könnte diese Abstinenzphase, die wir uns nicht ausgesucht haben, uns hörender und sehender machen im Blick auf den Mangel, den der Mensch neben uns erleidet.

Und noch etwas: Ich höre hin und wieder bei alten katholischen Leuten den Begriff „Aufopfern“ in Bezug auf ihre Krankheiten und Gebrechen. Und das durchaus aus gütigen reifen Gesichtern. Etwas Bedrückendes in einen größeren Zusammenhang stellen. Es Gott hinhalten. Es verwandeln lassen, so wie bei der Gabenprozession. Gott macht was draus! Er ist ein Recyclingkünstler!

Meine engen Grenzen … – wandle sie in Weite; Herr, erbarme dich“.  GL 437
 

Volker Babucke / St. Antonius

30.03.2020

Gerade habe ich den Beitrag von Josef Staubach gelesen. Auch wir haben am vergangenen Sonntag auf der Couch am Fernseher den Gottesdienst aus Herz-Jesu verfolgt. Schön zu wissen, dass es auch in diesen Zeiten möglich ist, mit anderen Gemeindemitgliedern verbunden zu sein. Kleine Anekdote: nach einer halben Stunde Messe meinte jemand: „die haben hier echt bequeme Kirchbänke!“…

Ansonsten merken wir in diesen Tagen, wie wertvoll eine gut funktionierende Hausgemeinschaft ist. Die jüngeren Kinder im Grundschulalter werden abwechselnd von einer Person betreut, so dass die anderen Eltern arbeiten können. Da heißt es morgens 1 – 2 Stunden Lernstübchen, gemeinsame Lesezeit und Kopfrechnen. Im Sachkundeunterricht werden Kartoffeln und Möhren geschält oder Kuchen gebacken und im Kunstunterricht Ostereier bemalt. Die größeren Geschwister werden beim Sportunterricht mit einbezogen und in den letzten Tagen fand schon so manches Abwurfball-Match statt.

Die Kinder erleben innerhalb dieser Gruppe ein stärkeres Miteinander, da es ja quasi von außen keine weiteren Kontakte oder Ablenkungen gibt. Zumindest unsere Erfahrungen sind im Moment, dass der Ton zwischen den Geschwistern deutlich liebevoller und respektvoller geworden ist.

Wir wissen, dass wir mit dieser Hauskonstellation gewaltiges Glück haben, da wir eben nicht nur an die eigenen vier Wände gebunden sind. Dafür heißt es jeden Tag DANKE zu sagen.

Katrin Kretschmer / St. Antonius

29.03.2020

Abends auf dem Balkon

Seit fast einer Woche singen wir jeden Abend das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ von den Balkonen. Viele Nachbarn sind inzwischen dabei, es sind Akkordeon-, Trompeten-, Horn- und Celloklänge zu hören. Und dazwischen der Gesang der Menschen. „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“, dichtete Friedrich Hölderlin. Jetzt, wo das Risiko des Infizierens die Menschen verpflichtet, in ihren Wohnungen zu bleiben, wachsen neue, kreative Formen der Verbundenheit und des Miteinanders, die vorher nicht denkbar gewesen wären. Wenn mir zu Silvester jemand gesagt hätte, dass ich im März jeden Abend zum Balkonsingen antreten würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Ebenso, wenn diese Person behauptet hätte, dass wir dann – in Dresden und außerhalb der Weihnachtszeit – ein so tief religiöses Lied wie das vertonte Gedicht von Matthias Claudius singen würden. Aber genau dessenaltertümliche Verse fangen heute wieder an zu sprechen: Weil sie mit dem rechnen, was unsere Augen nicht sehen, weil sie Krankheit und Tod nicht ausblenden und weil sie einen Adressaten kennen, an den sie die Bitte um Verschonung richten können. Der Horizont dieses Liedes ist größer als wir, die wir täglich auf Kurvendiagramme blicken und die Prognosen der Experten erwarten. Für wenige Minuten schenkt dieses alte Abendlied die schwache Ahnung, wie sehr der Mensch auch heute noch einer göttlichen Geborgenheit bedarf– für sich selbst als auch für den „kranken Nachbarn“.

Mögen alle singenden, musizierenden, lauschenden, ausharrenden und betrübten Nachbarn in Stadt und Land behütet sein.

Ulrike Irrgang / St. Antonius

 

28.03.2020

Wir leben in einer sechsköpfingen Familie mit zwei Quarantäne-Kindern seit 1,5 Wochen rund um die Uhr zusammen. Ehrlich gesagt klappt das besser als ich dachte und die Stimmung ist ganz gut. Die herrliche Sonne trägt zur guten Laune bei. Einer arbeitet im Homeoffice, zwei Gymnasialschüler werden von den Lehrern gut mit Arbeit versorgt, das Grundschulkind ebenfalls (möchte aber nicht ohne Unterstützung arbeiten) und das Vorschulkind ruft: „Ich möchte mehr Aufgaben, lies mir bitte mal vor, was ich da machen muss.“ Zwischendurch wird lecker gekocht, gebacken und eingekauft. Die Zeit vergeht wie im Fluge…
Zu erwähnen wäre noch tolle Angebote wie ökumenischer Gottesdienst-Livestream aus Halle, Taizèandacht vom St. Benno-Gymnasium, viel Freude beim Erstellen einer Morgenbesinnung und Susi Kirchenmaus.

Sara Löffler / St. Paulus

27.03.2020

Ein Gruß aus dem Fokolar in der Stollestraße

Eigentlich hat uns die Nachricht des Corona Virus schon seit Mitte Februar direkter beschäftigt, da unsere Jahresexerzitien vom 4.-8. März nicht mehr in Rom stattfinden konnten. Anstelle des einen Ortes wurden es 16 Orte in kleineren Gruppen, jedoch über Zoom-Konferenzen in Verbindung mit Rom und Wien – überraschende Vertiefung, fruchtbringender Austausch, neue Erkenntnisse… Die Technik hat es möglich gemacht, dass Er uns zusammengeführt hat: „ein Herz und eine Seele“zu sein.

Eine Woche später der Reihe nach ABSAGEN auch vor Ort. Intensive Vorbereitungen für diverse Veranstaltungen – gerade zum 100. Geburtstag unserer Gründerin – haben uns erneut zum Innehalten geführt, wenngleich im ersten Moment – uns sprachlos gemacht. Doch damit Zeit verlieren? Nein! „Wer kann jetzt unsere Hilfe brauchen, wen anrufen, wen kontaktieren? Diverse Möglichkeiten haben sich aufgetan unter unseren Bekannten, aber auch in der Gemeinde… und mitten in diesen Überlegungen, ein Anruf von einer Familie aus der evangelischen Gemeinde: „können wir für euch einkaufen? Ihr gehört doch auch zur gefährdeten Gruppe?“ damit hatten wir nicht gerechnet!

Tragische, unfassbare Nachrichten, die uns berühren, wie wenn sie uns selbst treffen würden, bringen eine Kette konkreter Nächstenliebe ins Rollen! Das ist aber nicht immer so einfach getan, wie gesagt: Gerade vor 5 Tagen, also vor dem Wochenende: Eine pakistanische Familie, deren 8 Monate altes Baby erneut Fieber hatte und 6 Wochen davor mit Lungenentzündung im Krankenhaus, war erneut auf Hilfe angewiesen. Dieses Mal war klar, es gibt niemand, die wir für sie um Hilfe bitten können. Ist es überhaupt richtig, jetzt zu dieser Familie zu gehen, ist es nicht zu riskant? Eigentlich ja, Angst macht sich in mir breit! Aber eine Stimme sagt mir: Du bist im Moment die Einzige, die durch die Unterstützung zeigen kann, dass sie nicht allein sind. Jetzt ist der Augenblick, dich darauf einzulassen, dass die Liebe stärker ist als die Sorge.

Jetzt, nach dem Wochenende sind wir wieder in einer anderen Situation, aber ein Gedanke, der mich/uns in diesen Tagen frei macht, ändert sich nicht: der gegenwärtige Augenblick, indem wir Vergangenheit und Zukunft in Seine Hände legen! So wie Bischof Klaus Hemmerle sagt: „Gerade, wenn ich es ihm anheimgebe und weiß, dass es auf jeden Fall Seine Sache ist, kann ich auch das Meine tun“.

Fokolar Gemeinschaft

 

26.03.2020

Heute war ein schöner und trauriger Tag zugleich. Wir haben Geburtstag gefeiert. Gäste kamen nicht. Aber mein Schwager hängte morgens frischgebackene Brötchen an die Tür. Der Duft. Lockend. Appetitanregend. Er zog durch das ganze Haus und alle fanden sich schnell am Frühstückstisch ein. Das Telefon klingelte ununterbrochen, um gute Wünsche zu übermitteln. Die Schwiegereltern kamen trotzdem und gratulierten mit Abstand. Nachmittags kam die ganze Familie meines Schwagers zu uns ans Gartentor, um ein Geburtstagslied für meinen Mann zu singen. Eine wunderbare Geste, für die wir sehr dankbar sind. Wir finden Wege und kleine Nischen, trotz Grenzen und Anordnungen, quasi um über Umwege zueinander zu finden und zu zeigen, Du bist mir wichtig und bist wertvoll. Wie erfinderisch wir plötzlich werden, um der Sehnsucht nach Gemeinschaft nachzukommen. Nachmittags haben wir angefangen Briefe an unsere Lieben zu schreiben. Machen Sie das doch auch. Ein handgeschriebenes Blatt Papier mag jeder gerne in der Hand halten und lesen.

Traurig haben uns die Nachrichten, vor allem aus Italien gestimmt. Wir haben angefangen zu beten. Ich habe dieses Gebet ausgewählt:

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen.

Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und dich zu schützen.

Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.

Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst.

Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.

Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.

Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.

So segne dich der gütige Gott.

Sedulius Caelius

Das Gebet begleitet mich schon mein halbes Leben. Ich bete es immer, wenn ich vor Herausforderungen stehe. Heute haben wir es gemeinsam am Abendbrot-Tisch gebetet, auch weil wir keinen Gottesdienst feiern konnten. In diesem Moment dachte ich an alljene Christen, die nur heimlich ihren Glauben leben dürfen. Jeden Abend danken wir für den Tag, egal wie bescheiden er war. Probieren Sie es einmal, jeden Tag für etwas zu danken. Sie werden staunen, was da zusammen kommt. Falls nicht, fragen Sie ihre Kinder. Die haben tolle Ideen.

Bleiben Sie behütet.

Christine Jeglinksy / St.Antonius

 

25.03.2020

Nach dem Tod meines Mannes habe ich die Begleitung eines jungen Syrers „geerbt“, um ihn beim Deutschlernen zu unterstützen. Inzwischen kenne ich auch seinen Bruder, der das Abitur machen möchte und hin und wieder Hausaufgabenhilfe braucht.
Von ihnen erhielt ich diese WhatsApp-Nachricht, die mich sehr berührt hat:

„Ich habe heute Gedanken gemacht, und wollte mit ihnen sprechen, und zwar ich habe Angst um sie wegen Coronavirus und würde sagen , wenn sie von draußen etwas brauchen , ich kann den für sie abholen, Hauptsache dass sie zu Hause bleiben, wir sind wie ihren Sohn. Bitte sagen sie wenn sie etwas brauchen.“

Ist das nicht wunderbar?

Christl Pünder / St. Paulus

 

24.03.2020

Laetare am Laptop

Fernseh-Gottesdienst auf der Couch verfolgen,Purpur, Gold und Weihrauch, professionell in Szene gesetzt. Das ist so ziemlich das letzte, was ich mir antun würde, um der für katholische Christen unseres Bistums inzwischen bis auf Widerruf außer Kraft gesetzten Sonntagspflicht ersatzweise zu genügen. Dachte ich immer. Das habe ich auch durchgehalten. Bis zum vierten Fastensonntag 2020 vormittags.

Dann hat es mich doch gereizt. Eher durch Zufall hatte ich im Internet mitbekommen, dass die Herz-Jesu-Gemeinde Dresden-Johannstadt einen Livestream-Gottesdienst ins Netz stellt. Dort ist wenigstens kein Purpur, denke ich. Mehr neugierig als begeistert stelle ich mich am Laptop als 264. Zutritt Erbittender beim Livestream-Kanaleingang an. Bald sind wir mehr als 350. Wir warten in Gemeinschaft, aber mit genügend Abstand. Nebenan in der Chat-Spalte gibt es außer „Hallo“ und „Guten Tag“ schon heiße Tipps, wie man einen inzwischen neugeschaltetenYoutube-Kanal an die Internet-Gemeindemitteilen könne, weil der versprochene nicht funktioniert. Der Pfarrer wartet geduldig, ich mit ihm, bis wir den neuen Kanal nutzen können. Gott und den hellen Köpfen in Johannstadt sei Dank!

Der dann folgende Gottesdienst gehört zu jenen, die mich bisher am meisten bewegt haben; von denen, die ich nicht direkt mitgefeiert habe, ist es sicher der Gottesdienst. Die technischen Unzulänglichkeiten, die Tonprobleme, die gewöhnungsbedürftige Leere – das alles spielt keine Rolle. Im Gegenteil, das ist der Boden, auf dem für mich Laetare – „Freue dich“ wächst. Unerwartet, stärker werdend, nicht zu unterdrücken. Vor meinem Laptop scheint im Violett der Fastenzeit das Weiß der Ostertage durch.

Josef Staubach / St. Antonius

PS: Ein Blick auf die Homepage unserer Nachbarn lohnt. Sie planen in der VG abwechselnd solche Liveübertragungen schon bis zum Sonntag nach Ostern. Ob wir das auch hinbekommen könnten? Wenigstens teilweise? Ich werbe dafür.

 

23.03.2020

Krisis: ein Höhe- und Wendepunkt. Etwas wird dramatisch anders – möglicherweise eben auch richtig gut. Zumindest hat schon die antike Medizin genau an diesem Punkt den Beginn von Heilung für möglich gehalten.
Momentan erlebe ich in meinem Umfeld lähmende Stille und hochgradige erschöpfende Aktion ganz dicht beieinander. Beides erfordert unsagbar viel Kraft. Und mittendrin und all das umfangend: Gott. Undeutlich. Verborgen. Aber nicht weniger treu und real wie in der Dornbuscherzählung, die uns unsere Tabernakeltür in St.Antonius ständig vor Augen hält.

Er will sich finden lassen: als die Fülle in aller Leere. Und als die ruhende Kraft im Sturm. Wirklichkeit spielt nie nur auf einer Ebene. Und ER will uns ALLES sein.
Gott sei Dank steht ER nicht unter Quarantäne! Laufen wir nicht an IHM vorbei.

Vielleicht ist gerade jetzt manches besser möglich: ein ehrlich gemeintes nettes Wort zu jemandem, dem ich das sonst nie sagen würde. Genauer Zuhören, anstatt mit Vielen viel zu reden. Von den eigenen Ängsten freiwerden und sich um Andere sorgen: um die Unsichtbaren, Stillen, Einmann-Unternehmer, denen die Einkünfte zu Staub geworden sind…
Im Gotteslob gibt es einen selten genutzten Teil: Tagzeitenliturgie. Die Psalmen, die Sie dort finden, werden in diesen Tagen anders zu Ihnen sprechen. Viele Antiphonen und Cantica sind neu bearbeitet, nicht immer ganz gängig, aber wunderschön. Und das Beste: beim Beten des Stundengebets tauchen Sie in eine riesige Menschenmenge ein, ganz gefahrlos. Ecclesia orans, die betende Kirche. Sie werden staunen, wen man da so trifft und was man alles erfährt…

Volker Babucke / St. Antonius