Liebe Schwestern und Brüder,

liebe Gemeinde,

ich sitze heute früh, am 1. April 2020, an meinem Schreibtisch, lese die Texte des kommenden Palmsonntags und denke nach. Der Tag beginnt. Es wird langsam hell. Ich genieße die für diese Zeit ungewöhnliche Ruhe und Stille vor meinem Fenster. Alles, was um mich herum passiert, die Corona-Pandemie mit allen ihren Konsequenzen, kommt mir wie ein schlechter Aprilwitz vor. Ist das wirklich wahr? Ist das real, oder ist es ein böser Traum, aus dem ich jeden Augenblick erwachen werde? Es ist kein Traum. Es ist eine Realität, die ich nicht haben will, die niemand haben will. Es ist eine Realität, die mich unausweichlich dazu bringt, mich zu fragen, welchen Sinn das alles hat? Anstatt mich auf den triumphalen Einzug Jesu nach Jerusalem (Liturgie des Palmsonntags) zu konzentrieren, denke ich über die Fragen nach, die sich Hiob gestellt hat, warum passieren solche Dinge? Warum passiert es mir? Warum lässt Gott so etwas zu? – Und, ich habe darauf keine Antwort. Ich, der aufgeklärte Mensch des XXI. Jahrhunderts, bin machtlos angesichts eines kleinen Virus. Ich bin hilflos gegenüber einer Krankheit, obwohl die Menschheit bereits Hunderte vergleichbare Krankheiten besiegt hat. Ich habe auch, trotz meines Theologiestudiums, keine Antwort auf die Frage, warum Gott das zulässt. Ich habe aber schon lange verstanden, dass die Logik Gottes nicht die meine ist (Eure Gedanke sind nicht meine Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege). Wenn also, wie ich glaube, das Wirken Gottes in unserer Welt nach einem Plan geschieht, wenn er nicht willkürlich handelt und in seinem Handeln eine Botschaft versteckt ist, dann frage ich mich, was will er mir (uns) sagen und warum tut er das auf diese schmerzhafte Weise?

Wir Menschen nach dem Ende des II. Weltkriegs, nach dem II. Vatikanischen Konzil, nach der friedlichen Revolution in Europa und dem Fall der Berliner Mauer haben angenommen, dass das Leben in Frieden, das ungebremste Wachstum der Wirtschaft, der Wohlstand (abgesehen von einigen Zwischenfällen, wo die Finanzmärkte zusammengebrochen sind) eine Selbstverständlichkeit sind. Wir haben angenommen, dass wir dieses schöne Leben unserer Intelligenz und unserem Fleiß zu verdanken haben. Und wir haben uns eingebildet, dass wir dieses Leben unter Kontrolle haben. Ein kleines Virus hat keinen Respekt vor unserem Planen und Tun, es wirft unsere Welt aus der Bahn. Es wirft meine Welt völlig aus der Bahn. Das Virus greift das Wesen unseres Menschseins an, indem es die sozialen Kontakte verhindert. Es greift unsere auf sozialen Kontakten aufgebaute Gesellschaft an und führt zu Isolation und Vereinsamung. Es greift unseren Wohlstand an, indem es aus Angst vor der Ansteckung die Arbeit in einer Gemeinschaft unmöglich macht. Das Virus greift mein religiöses Leben an, den Kern meines Wirkens als Pfarrer, das Leben unserer Gemeinden, das Leben der Kirche. Denn die Gemeinschaft gehört zum Leben der Kirche. Die gemeinschaftliche Eucharistiefeier gehört zum Kern des kirchlichen Lebens und zum Kern des Gemeindelebens. Warum lässt Gott das zu? Was ist seine Botschaft, wenn alles, was wichtig ist, wegzubrechen droht, wenn vieles, was mein religiöses Leben ausgemacht hat, nicht mehr möglich ist, wenn die ganze kirchliche Praxis in Frage gestellt wird? Warum ist auf einmal möglich, was früher nicht möglich war? Wohin soll ich mich wenden? Wo finde ich Antwort? Wo finde ich Zuflucht?

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe auf Jesus geschaut. Zunächst auf den Jesus am Palmsonntag, wo ich nach meiner menschlichen Logik ein Paradox entdecke, wo in einer einzigen liturgischen Feier der Triumph des Königs und die Schande des Kreuzes verkündet wird. Ich schaue auf das Leben von Jesus, wie es die Evangelien überliefern, ein Leben voller Widersprüche und Missverständnisse. Ein Leben für Gott und für die Menschen, ein Leben in Aktion und in Kontemplation, ein Leben mitten unter den Menschen und in der Einsamkeit auf dem Berg, in der Wüste an einem einsamen Ort. Ich schaue auf sein Leben, gerade jetzt an der Schwelle zur Karwoche, und stelle fest, dass er die Antwort auf alle meine Fragen ist. Wann hat er verstanden, dass seine Beziehung zum Vater und seine Sendung zu uns Menschen gar nichts mit unserer menschlichen Logik zu tun haben? War das bei der Taufe im Jordan, als mitten in der Menge eine göttliche Stimme sagte: “Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ Oder war es bei der Hochzeit zu Kana, als er zu Maria auf ihre Bitte sagte: „Was willst du von mir Frau, meine Stunde ist noch nicht gekommen?“, und dann doch das Wasser in den Wein verwandelt hat. Oder war es in der Wüste, als der Versucher im sagte: „Wenn du Gottes Sohn bist…“. Wann hat er verstanden, dass das, was nach unserer menschlichen Logik ein Scheitern ist, zum Wesen seiner Mission gehört, dass das, was wir Menschen als Scheitern verstehen, in Wirklichkeit kein Scheitern ist. Es gehört zum Kern der Sendung und der Botschaft. Wann hat er verstanden, dass der Weg zur Fülle des Lebens durch das Kreuz führt, durch Einsamkeit und Leid, durch Missverständnis und Abgestoßensein?

Liebe Schwestern und Brüder, unsere jetzige Situation angesichts der Bedrohung durch das Virus, angesichts von allem, was nach menschlichen Maßstäben zugrunde geht, erinnert mich sehr stark an die letzten Tage Jesu. Wir sehen darin nur eine Bedrohung, ein Scheitern und einen Zusammenbruch. Auch Jesus wollte dem Kreuz ausweichen. Er hat den Vater nach einem anderen Weg gefragt, bis er verstanden hat, dass die scheinbare Tragödie nur ein Übergang ist. Das Kreuz und das Leid, die Einsamkeit und Verlassenheit sind nur eine Quelle der Erneuerung. Ich habe darin eine religiöse Antwort für mich gefunden. Die heutige Misere wird eines Tages (auch wenn es heute schwer zu glauben ist) vorbei sein. Das war den Jüngern Jesu am Karfreitag auch nicht bewusst. Die heutige Situation ist nur ein Übergang zu einer neuen Realität, die wir begreifen werden, wenn alles vorbei ist, in der Begegnung mit dem Auferstandenen am Ostermorgen.

Ich wünsche Ihnen an diesem einzigartigen Osterfest meines Lebens Gesundheit und Gottes Segen.

Ihr Pfarrer Sławomir Rakus SVD