Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Gemeinde,

eine tiefe Sehnsucht wohnt in mir, eine Sehnsucht nach Unvergänglichkeit und Dauer, eine Sehnsucht danach, unvergessen zu bleiben. Diese Sehnsucht ergreift mich zu Ostern bei der Feier des Triduums (des Leidens, des Sterbens und der Auferstehung Jesu) immer wieder aufs Neue. Es ist eine Sehnsucht nach etwas mehr als nur dem Diesseits. Bin ich mit dieser Sehnsucht allein? Auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage versuche ich einen Blick zu werfen auf die Erfahrungen anderer Menschen, auf die Erfahrungen anderer Religionen. Ich stelle fest, dass Menschen aller Generationen, anderer Religionen und Kulturen sich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben und dass sie meine Sehnsucht teilen. Die Religionen Indiens (Hinduismus und Buddhismus) sprechen von Seelenwanderung, Reinkarnation und Wiedergeburt, im Islam wird den Gläubigen nach dem Tod das Paradies versprochen und Jahwe, Gott Abrahams, Gott Isaaks und Jakobs, lässt sich erkennen als Gott der Lebenden und nicht der Toten. Auch die europäische Antike strebt nach Besonderheit, nach Taten und Werken, die ihre Autoren unvergesslich machen, damit sich die Nachwelt an ihre Namen erinnert. Im Mittelalter suchen die Alchemisten nach dem Elixier der Jugend und der Unsterblichkeit. Ich bin also mit meiner Sehsucht nicht allein und kein Sonderling. Die ganze Menschheit ist von der Idee, unsterblich zu sein, fasziniert, man findet sie in allen Kulturen und Religionen. Wie eine Ernüchterung erklingt mitten in dieser Faszination der Ruf des Psalmisten „unser Leben wird 70 Jahre und wenn es hoch kommt, sind es 80“. Ja, wir beherrschen es nicht, unser Leben beliebig zu verlängern. Es gibt wissenschaftliche Versuche und Experimente, um Lebewesen zu klonen, um Lebewesen im Reagenzglas zu erschaffen, wir spielen sehr gerne Gott. Aber es gelingt uns doch nicht. Dazu kommt noch im Krieg oder bei einer Pandemie die Erfahrung, wie zerbrechlich das Leben ist. So wird das Bild unserer Ohnmacht vollkommen, wir können das Leben nicht nur nicht erschaffen und nicht verlängern, sondern wir können sogar das Leben nicht immer retten. Dabei ist es uns bewusst, dass das Leben (das unsere und das der anderen Lebewesen) das Wertvollste ist, was wir haben und was es auf unserem Planeten gibt. Es ist einmalig, unverwechselbar, einzigartig. Aber was ist mit den Scharen der Namenlosen, die vor uns da waren und uns vorausgegangen sind? Wo sind sie jetzt? Wofür sind diese 70 bis 80 Jahre gut? War das alles? Hat sich Jesus diese Fragen gestellt? Was gab Ihm Kraft, freiwillig den Tod für andere auf sich zu nehmen? Wenn ich in der Karwoche seinen Weg betrachte, den Weg vom letzten Abendmahl über Getsemani bis zur Verurteilung, den Weg des Kreuzes auf die Stätte Golgota, den Weg des Todes bis zur Auferstehung am Ostermorgen, dann muss ich feststellen, dass nur eine tiefe Verbindung mit dem Vater ihm die nötige Kraft geben konnte. Er war uns Menschen in allem gleich, hatte also auch keine Garantie, dass alles gut gehen wird, dass er auf jeden Fall auferstehen wird. Er hat Ängste ausgestanden, weil er nicht wusste, was ihn danach erwartet und ob es überhaupt ein Danach gibt. Getragen hat ihn tiefer Glaube, die Hoffnung und die Liebe zu seinem Vater, die Kardinaltugenden, die auch uns, Menschen in seiner Nachfolge, Halt geben.
Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern in diesem Jahr ein Osterfest, das wegen der äußeren Umstände (Corona-Pandemie) ganz anders ist als alles, was wir bis jetzt gekannt haben. Wir müssen andere Formen finden, unseren Glauben auszudrücken, als wir sie bis jetzt gekannt haben. Aber der Kern der Osterbotschaft bleibt. Unser Leben, wie wir es kennen, hat nur einen Sinn und eine Zukunft, wenn Jesus auferstanden ist. Und Er ist wahrhaftig auferstanden. Das glaube ich – und diesen Glauben und die Sehnsucht danach wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen.

Ihr Pfarrer P. Sławomir Rakus SVD